Frauenhetz – Lektüreempfehlungen > Rezensionen

Die Krise und die Frauen
Sylvia Walby legt mit diesem Buch eine wertvolle und feministisch kritische Informationen zur Verbindung von „der“ Krise und den Frauen vor. Sie eröffnet Einblicke in inter/nationale Finanztransaktionen der letzten Jahrzehnte. Einschnitte im öffentlichen Dienst (und in der Privatwirtschaft) treffen Frauen als Angestellte in besonderer Weise. Deutlich und verständlich nachvollziehbar zu beschreiben, wie Swaps und Risikospekulationen sich in Genderanalyse sowohl im täglichen Leben als auch in der Finanzwelt nachhaltig auswirken, ist Walbys beachtliche Leistung. Mit Detailreichtum und klarem feministischen Durchblick zeigt sie Facetten männlich konnotierter Krisenherrschaften unter dem Sammelbegriff Gender Regime auf – wie schon zuvor in ihrer Publikation „Theorizing Patriarchy“ (Link zu Walby: Theorizing Patriarchy). Ihr Buch beinhaltet eine klar fundierte wissenschaftliche Analyse und ist in gut lesbarer, leicht verständlicher englischer Sprache geschrieben. Schade, dass Übersetzungen aus dem Englischen ins Deutsche kaum mehr leistbar sind und nur selten finanziert werden: Dieses großartige und einen komplizierten Sachverhalt deutlich und in Gender-Perspektive erläuternde Buch hätte es verdient.
Rezension von Gerlinde Mauerer
Sylvia Walby: Crisis. Cambridge: Polity Press, Dezember 2015.
224 Seiten. Paperback und E-Book bei Wiley: 21,49.- Euro.
Link zu Walby: Crisis. Polity Press, Cambridge 2015.

Feministische Theorie konsequent weitergedacht und praktisch umgesetzt
Bettina Zehetner verbindet in ihren weitreichenden Reflexionen verschiedene Ansätze feministischer Theoriebildung (Egalitätsanspruch, Differenzansatz, De-/Konstruktivismus) mit den Potenzialen ihrer Umsetzung in der psychosozialen Beratungspraxis. Sie zeigt, wie sich der Beratungskontext verändert, wenn auf ein „kollektives Frauen-Wir“ verzichtet werden muss: Dies bedeutet – auch je individuell erlebte – „Rückschläge“ und neue theoretische wie sozialpraktische Herausforderungen. Im Aufzeigen dieses dringend notwendigen Brückenschlags zwischen feministischer Theoriebildung und (psycho)sozialer Praxis liegt die Bedeutsamkeit der vorliegenden Arbeit: u.a. werden auch „schöne“ Begriffe wie „Authentizität“, „Selbstverwirklichung“ und „Selbstbestimmung“ als neoliberale Erfolgskriterien des ‚unternehmerischen Selbst’?“ in Frage gestellt (S. 246). Insbesondere der Schauplatz weiblicher Körper wird in Zehetners Arbeit als „Material“ für diese Selbstunternehmung und -inszenierung in historischer und feministischer Perspektive analysiert.
Zehetner zeigt eindrücklich, dass mit der Aufgabe traditioneller geschlechtsspezifischer (Zu)Ordnungsmuster auch Zuschreibungen von Gesundheit und Krankheit ins Wanken geraten: Eindimensionale Bilder von Geschlechtlichkeit („schwache“ respektive „kranke Weiblichkeit“, „starke“ Männlichkeit) werden in ihrem krankmachenden und kränkenden Potenzial enttarnt.
Die Literaturliste Zehetners offenbart sich als Mekka auf dieser historischen wie intellektuellen Zeitreise! Was sich in flüchtiger Ausprägung als zwei Themen (feministische Theoriebildung und feministische frauenspezifische Beratungspraxis) erkennen lässt, wird bei Zehetner so konsequent zusammengedacht und reflektiert, dass kein Zurück zu altbewährten Zugehörigkeiten mehr denk- und erlebbar erscheint. Dies führt bei Zehetner keineswegs zu einer theoretischen Verlustanzeige: Sie gibt kreativen Gestaltungsspielräumen großen Raum, v.a in Bezug auf Judith Butler (Butler 1990, 2002, 2006). In Bettina Zehetners Denkverbindung von (gender)diskurstheoretischer Analyse mit sozialkritischen Perspektiven werden die Auswirkungen dominanter und prägender kultureller Symbole und bedeutender Praxen (u.a. in Bezugnahme auf Foucault) entschlüsselt und in Frage gestellt: Affirmative Selbstbehauptung und vernichtende Auflösung dichotomer Zuordnungsmuster (weiblich/ männlich, gesund/ krank) verunsichern nur dann, wenn Beratungspraxis gängige Stereotype „in Gang“ respektive in Schwung bringen und erhalten will. Dagegen spricht sich Zehetner in ihrer Arbeit vehement aus: Ein schmaler Grat zwischen (gender)theoretischer De-/Stabilisierung im je individuellen Beratungskontext löst einen persönlichen und gesellschaftspolitischen Entwicklungsprozess aus: „(D)ie emanzipatorische Intention feministischer Beratung – und gesellschaftskritischer Sozialarbeit – (besteht) darin, Mut zur Eigenwilligkeit und zum Sich-Wehren gegen verletzende und diskriminierende Behandlung zu machen als Alternative zur Anpassung an bestehende, krankmachende Verhältnisse.“ (S. 219). Ihre philosophische Ausbildung und kritische Positionierung als feministische Beraterin führt Bettina Zehetner logisch schlüssig und in Bezugnahme auf Falldarstellungen aus der Beratungspraxis – u.a. zu Trennung und Scheidung – zusammen: Ausgehend vom Körper als Oberfläche von Zeichen bis zu inneren (Vor)„Einstellungen“ in patriarchaler Entwicklungslogik bleibt in ihrer profunden Analyse kein traditioneller Markstein auf dem anderen: In dieser konsequenten Aufgabe von geschlechterkonstanten Tradierungen liegt die Überzeugungskraft ihrer Arbeit. Bettina Zehetner liefert hiermit über „state of the art“ in der feministische Theoriebildung hinaus ein wichtiges Grundlagenwerk für Beratungsarbeit, Psychotherapie und Medizin.
Rezension von Gerlinde Mauerer

Bettina Zehetner: Krankheit und Geschlecht. Feministische Philosophie und psychosoziale Beratung, Turia + Kant: Wien/Berlin 2012, 317 Seiten, http://www.turia.at/titel/zehetner.html

Siehe ergänzend auch den Vortragstext von Bettina Zehetner anlässlich der Festveranstaltung FEMINISTISCHE STRATEGIEN. 35 + 1 + 1 Jahre Frauen* beraten Frauen* mit Christina Thürmer-Rohr am 16. Mai 2017.

Performance und Politik oder Ein Backfisch hat noch was zu erwarten
Gerburg Treusch-Dieters Vortrag war Performance im besten Sinn: Sprache und Körper als chiastische Einheit, ein Schau-Spiel, das die Erotik des Körpers mit der des Geistes verband und den Prozess des Denkens zur sinnlichen Aufführung brachte. Als Lehrende war sie intensiv und berauschend wie eine antike Dramengestalt. Mitzuerleben wie sie komplexe Gedankengänge entwickelte war eine Erfahrung, die die Zuhörenden selbst zu neuen und unkonventionellen Perspektiven anregte. Wie unbeschwert und humorvoll sie an schwer verdauliche Kost wie Gewalt im Geschlechterverhältnis, Gen- und Reproduktionstechnologie und Pornographie heranging, war befreiend und inspirierend. Als Freidenkerin ermutigte sie ihre Studierenden, scheinbar Selbstverständliches immer wieder neu zu hinterfragen. Ihre Weigerung, sich einzuordnen, ihre Inter- und Transdisziplinarität wurden nicht mit einer klassischen akademischen Karriere belohnt, machen jedoch die Vielfalt der vorliegenden Textsammlung zum Genuss.
Gerburg Treusch-Dieter hat Theoriegebäude lebendig und bewohnbar gemacht: Kritische Theorie, feministische Theorie, Dekonstruktivismus, Foucaults Diskurs- und Machtanalyse werden in Treusch-Dieters eloquenten Texten zu lustvollen Erkundungsreisen. Biomacht, die Entwertung von Körperlichkeit, die „Austopfung des Lebens“ aus dem Frauenkörper: Über die „geschlechtslose WunderBarbie“, Mutter-Tochter-Genealogien und patriarchale Schuldzuweisungen im Demeter-Kore-Mythos bis zur subtilen subversiven Kraft von Irigarays Mimesis-Konzept – ein 670 Seiten starkes Lesebuch wie ein wunderbar opulentes Festmahl. „Von ihr kann man lernen, wofür es sich lohnt, am Schreibtisch zu sitzen.“ (aus der Festschrift „Referenzgemetzel. Geschlechterpolitik und Biomacht“ für Gerburg Treusch-Dieter, Tübingen 1999).
Rezension von Bettina Zehetner
Edith Futscher, Heiko Kremer, Birge Krondorfer und Gerlinde Mauerer (Hrsg.): Gerburg Treusch-Dieter: Ausgewählte Schriften. Wien/Berlin: Turia + Kant 2014. http://www.turia.at/titel/gtd.php

Rezension von Luise Gubitzer zum 8. Mai 2017
Textgestaltung in Bezugnahme auf
Stokowski, Margarete (2016): Untenrum frei. Rowohlt. Hamburg
Arendt, Hannah (1958/ 1994): Vita Activa oder Vom tätigen Leben. Piper. München/ Zürich.

„Fuck you“
Beinahe eine Buchrezension zum Internationalen Frauentag am 8.3.2017
von Luise Gubitzer
„Eine Poesie des „Fuck you““ ist die Überschrift eines Kapitels in dem 2016 erschienenen Buch einer jungen Feministin, Margarete Stokowski, mit dem Titel „Untenrum frei“.
An unterschiedlichen Stellen des Buches erklärt sie warum sie Feministin geworden ist. Ein Grund ist, weil sie anerkennt und dankbar ist für das, was andere Feministinnen früher für sie erkämpft haben, von dem sie heute profitiert. Es sind vor allem die Freiheit von und die Freiheit zu. Feministinnen haben erkämpft, frei von patriarchalen Abhängigkeiten zu sein, die Freiheit zu wählen und gewählt zu werden, die Freiheit einer Erwerbsarbeit nachzugehen, ein eigenes Einkommen zu erzielen und darüber frei zu verfügen, die Freiheit sich jede Art von Bildung anzueignen und jede Art von Beruf auszuüben, die Freiheit über den eigenen Körper zu verfügen. All diese Freiheiten werden durch Gesetze gewährt, durch eine demokratisch legitimierte Rechtsordnung und Rechtsinstanzen. Ab der Erkämpfung des Wahlrechts haben Frauen die Rechtsordnung und die Demokratie wesentlich mitgestaltet, weil gilt: eine Person eine Stimme.
Ich denke, bei Wahlen ist das noch immer so. Aber, was davor und danach geschieht, ist nicht so. Wer mehr Geld hat, hat mehr Einfluss. Und das sind mehrheitlich nicht Frauen. Weder als Eigentümerinnen von großen Vermögen noch als Entscheiderinnen über große Beträge im Topmanagement.
Vor und nach Wahlen geschieht Entscheidendes. Einflussnahme erfolgt z.B. durch Netzwerke, früher haben Frauen das Patriarchat genannt. Mit dieser werden Wahlen gewonnen und danach werden interessensgeleitete Gesetze beschlossen, Verträge abgeschlossen und erfolgt die Hinterfragung von Entscheiden Oberster Gerichte. Dabei geht es großteils noch nicht um Gleichstellungsgesetze. Aber es geht um die Untergrabung der Demokratie und der Rechtsordnung und daher sollten Frauen ihre Stimme erheben, die Gefahren zur Sprache bringen und die Vorgänge beeinspruchen.
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Das Bundesverwaltungsgericht hat die Aufgabe zu prüfen, ob ein Bescheid auf Basis von Verträgen und Gesetzen verfahrensgemäß erfolgt ist. Er prüft das gesetzmäßige Handeln von Verwaltungsbehörden. So hat er das auch bei der Prüfung des Baus einer dritten Piste am Wiener Flughafen getan. Alle Unterlagen, die er herangezogen hat, wurden von demokratisch gewählten Politiker_innen beschlossen und unterzeichnet. Und jetzt sind es demokratisch gewählte Politiker, die diesen Entscheid auf das Schärfste kritisieren. Was geschieht da? Dass diverse Manager und Kämmerer den Entscheid kritisieren, wundert mich nicht. Sie haben Geschäft, Umsatz, Gewinne, Macht im Kopf. Aber demokratisch-legitimierte Politiker?
Das ist nur ein aktuelles Beispiel für Vorgänge in Österreich. Auf EU-Ebene ist ein Beispiel die Nicht-Reaktion der EU als in Rumänien das Antikorruptionsgesetz novelliert werden sollte. Nicht EU-Gremien haben das massiv beeinsprucht, sondern die Bevölkerung Rumäniens hat die Zurücknahme erreicht. Auf wie lange? Die EU lässt zu was mit der demokratischen Rechtsordnung in Polen und in Ungarn geschieht und sie macht Verträge mit jenem Mann, der fundamentale Rechte außer Kraft setzt und gegen 2854 Richter_innen und Staatsanwält_innen Haftbefehle erließ, mit dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan. Demokratisches Recht ist durch Politiker und auch durch manche Politikinnen, wie Marine Le Pen, gefährdet.
Recht ist aber auch gefährdet durch Unternehmen, die über Parteienfinanzierung, Medienbesitz, Bezahlung teurer Lobbyisten Politiker_innen für ihre Interessen gewinnen. Das offensichtlichste Beispiel sind die Vorgänge in den USA. Hunderttausende Frauen mit pinkfarbenen „Pussy-Hats“ sind dagegen beim „Frauenmarsch auf Washington“ im Jänner 2017 auf die Straße gegangen.
Die Rechtsordnung wird sowohl von Politiker_innen als auch von Unternehmen und Vermögenden massiv für ihre Interessen umgestaltet. Sowohl der Vorgang, als auch die Ergebnisse sind alarmierend. Recht und Demokratie sind die zwei Fundamente, die Frauen die Freiheit von und die Freiheit zu ermöglichen. „Fuck you“ ist notwendig und nicht nur „eigentlich“ sondern wirklich, wenn diese gefährdet sind.
In Kapitel 6 verweist Margarete Stokowski auf einen Text von Kurt Tucholsky aus 1928 in dem steht, dass „eigentlich“ kein Wort, sondern eine Lebensauffassung sei.
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Menschen leben vor sich hin, sagen aber „eigentlich“ seien sie was völlig anderes: Rebellen, Dichter. Sie schreibt: „In den schwachen Momenten neigen wir dazu, unsere Haltung hinter einen Satz zu schieben, der mit „eigentlich“ anfängt und dabei zu vergessen, was unsere Handlungsmöglichkeit wäre, das heißt: was unsere Freiheit ist. Für diese Momente hilft es, eine Poesie des „Fuck you“ zu entwickeln und in sich zu tragen, wie ein Mantra“ (S.189). So könne die eigene Handlungsfähigkeit erhalten bleiben und Frauen sich erinnern, wofür sie stehen. Das „Fuck you“ kann eine „magische Formel“ sein, die stärkt „für unsere Ziele zu kämpfen“. „Ein Großteil feministischen Handelns besteht darin, sich nicht verarschen zu lassen.“ Nicht durch Ablenkung, nicht durch Beschimpfung, nicht durch Verbreitung von Mythen, Vorurteilen und Klischees, nicht durch den Vorwurf der Übertreibung der „political correctness“ durch geschlechtersensible Sprache. Es gibt konstruktive Kritik und es gibt „Fuck you- Anwärter*innen“ (S. 190). Das „Fuck you“ kann daher eingesetzt werden als Mantra, zur Gelassenheit gegenüber Kritik, zur Selbstvergewisserung um die Stimme zu erheben und um klar zu machen: Mit mir nicht.
Mit dem Mantra „Fuck you“ sollen sich Frauen stärken, wenn sie unsicher werden, ob der Feminismus noch gebraucht wird. Denn die Kritik gegenüber Feministinnen ist wieder härter geworden. Feministinnen würden „übertreiben“, verhielten sich „bescheuert“, seien „anstrengend“, hätten kein Verständnis für Notwendigkeiten wie zum Beispiel für die, dass so viele Männer Präsidenten seien oder in Vorstandsetagen sitzen, weil es keine qualifizierten Frauen gäbe; oder dafür, dass es eben eine Notstandsverordnung und ein Fremdenrechtspaket, eine Sicherheitsdoktrin und eine dritte Startbahn am Wiener Flughafen braucht.
Der Feminismus würde im 21. Jahrhundert in Europa nicht mehr gebraucht werden, wird behauptet. Jene, die das meinen fragt sie: „Heißt das, Du glaubst, das hier ist der Endzustand?“ (S. 193): Die 22% Gender Wage Gap; der geringe Anteil von Frauen in Führungspositionen; 12 Stunden Erwerbsarbeit pro Tag; die sexuelle Gewalt gegen Frauen; die Art, wie wir leben; die Präsidenten Orban, Duda, Erdogan in Europa und Trump in den USA? Das alles soll „das abschließende Ergebnis aller Kämpfe und Diskussionen um Gleichstellung sein?“ (S. 193) Sie meint, dass es das nicht sein kann und schreibt: „Ich will nicht, dass Olympe de Gouges (1748-1793) ihren Kopf dafür
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hergeben musste, dass wir uns heute umschauen und sagen: Mehr geht nicht. Wir würden damit alle verarschen, die uns hierher gebracht haben, und ich verarsche nicht gerne Menschen, die etwas für mich getan haben. Also machen wir weiter, und wir brauchen keine Erlaubnis dafür: „I need no permission, did I mention“ zitiert sie Beyoncé“ (S. 193).
Wichtig ist, dass Frauen nicht aufhören Zustände, die ungerecht sind als Ungerechtigkeit zu sehen, darüber Wut zu empfinden und diese auch auszudrücken. Solche Zustände sind kein Naturgesetz, kein Sachzwang, keine Notwendigkeit, dass sie so sein müssen. Sie sind zu verändern.
Hannah Arendt (1958/1994, S. 180) schreibt, dass „das Handeln und Sprechen … sich in dem Bezugsgewebe zwischen den Menschen“ vollzieht. Mit „politisch handeln“ wird ein eigener Faden in das gesellschaftliche Gewebe gewebt, das man nicht selbst gemacht hat. Ein solches Gewebe ist der Feminismus. Ein Gewebe, das unsere feministischen Ahninnen begonnen haben zu weben. In dieses weben sich junge Feministinnen ein und entwickeln und tragen den Feminismus weiter. Das tun sie unter anderem in dem sie das Wort ergreifen. Und sei es nur mit einem „Fuck you“.
Durch das öffentliche Bildungssystem, das Feministinnen miterkämpft haben, sind viele Frauen sprach-, kritik-, und reflexionsfähig geworden. Manche, wie Frau Stokowski, melden sich daher „radikal“ zu Wort. Was für sie bedeutet, dass man genau und präzise sagt, was man meint und was ist. Sprache ist das, was wir teilen. Über Sprache sind wir fähig uns mit anderen zu verständigen. „Aber die Sprache mit der ich das alles formuliere, ist nicht meine, ich habe die Worte nicht erfunden, ich leihe sie mir nur aus und gebe sie an die Welt weiter“ (S. 196) Damit sich Frauen wie sie, Worte leihen können, ist es notwendig, dass es auch weiterhin feministische Forschung gibt in allen Bereichen. Auch und gerade in der Ökonomie. Denn Feministische Ökonomie gibt Wissenschaftlerinnen die Möglichkeit Ökonomie anders zu denken, neue Begriffe zu entwickeln, ungerechte Zustände sprachlich zu benennen und Maßnahmen zu deren Veränderung zu formulieren. Aber auch dazu braucht es die rechtlich gesicherte Forschungsfreiheit.
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Margarete Stokowski schließt ihr Buch mit dem Satz: „Ich habe an das Aufstehen und an das Liegenbleiben geglaubt, an die Ruhe und den Sturm, und ich weiß nicht, was noch kommt und woran ich in meinem Leben noch glauben werde, aber ganz sicher niemals ans Schweigen.“ (230).
Die Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung der Demokratie, ihrer Rechtsordnung, und Rechtsorgane ist die Voraussetzung das Frauenrechte gewährt sind. National, supranational und international ist das keine Selbstverständlichkeit – mehr. Es gibt Entwicklungen, die die Demokratie und die demokratische Rechtsordnung als altmodisch, überholt, ja als dekadent erscheinen lassen. Politiker machen sich breit, die für sich das Führerprinzip in Anspruch nehmen und die den Rechtsstaat als „Normenstaat“ in einen „Maßnahmenstaat“, einen „Repressionsstaat“ umändern.
Feminismus ist international, vielfältig, aber niemals neutral und schweigsam.
Auch dazu nicht.
Literatur:
Stokowski, Margarete (2016): Untenrum frei. Rowohlt. Hamburg.
Arendt, Hannah (1958/ 1994): Vita Activa oder Vom tätigen Leben. Piper. München/ Zürich.