Öffentliche Reden

Rede beim Feministischen Aktionstag am 12. Juni 2022

Von Birge Krondorfer/ Frauenhetz

Im Zusammenhang von einer üblichen Formel, dass Krieg/Männer und Frieden/Frauen zusammengehören lässt sich sagen: Es geht dabei um die elementare Frage, wie das Geschlechterverhältnis gewaltförmig in die Geschichte und Kultur einverwoben ist, ja die diese konstituiert. Es gibt da eine alte Parabel die mehrfach feministisch reflektiert worden ist. Diese ist entnommen aus der Schrift „Die Kunst des Krieges“ von SunTze, einem chinesischen General, Militärstrategen und Philosophen aus dem 500 Jahrhundert v. Chr., dessen Schrift als frühestes Buch über Kriegsstrategie und bis heute als eines der bedeutendsten Werke zu diesem Thema gilt. Hier nun das Zitat:

„Sun Tze lässt die Frauen in zwei Reihen, die von den beiden Lieblingsfrauen angeführt werden, antreten und lehrt sie mit der Trommel den Befehlskodex: zwei Schläge: rechts um; drei Schläge: links um; vier Schläge: kehrt. Anstatt zu gehorchen, lachen und schwätzen die Frauen. Er wiederholt die Übung mehrere Male: die Frauen versichern, den Kodex verstanden zu haben, aber jedes Mal gibt es nur ein großes Gelächter und allgemeines Durcheinander. Nun gut, sagt Sun Tze, Ihr lehnt Euch auf, dafür sieht das Militärgesetz den Tod vor: Ihr werdet also sterben. Man unterrichtet den König, der ihm verbietet, die Frauen schlecht zu behandeln, besonders die Lieblingsfrauen. Sun Tze lässt ihm antworten: Ihr habt mir den Auftrag gegeben, sie in die Kriegskunst einzuführen, das übrige ist meine Sache. – Und mit seinem Säbel schlägt er den beiden Führerinnen den Kopf ab. Sie werden durch andere ersetzt und das Exerzieren wird wieder aufgenommen. ‚Und als ob diese Frauen ihr Leben lang nur das Kriegshandwerk betrieben hätten, folgten sie schweigsam und fehlerlos den Befehlen.‘“ (Jean F. Lyotard, zit. nach G. Treusch-Dieter)

Was lässt sich daraus ablesen?

Den Frauen ist das Lachen vergangen. Sie machen – auf Linie gebracht – mit. Durch eine mit Gewalt durchgesetzte Organisationsstruktur exerzieren sie zwecks Aufschub ihres Todes, der ihnen ab jetzt vorausgesetzt ist. Doch sie konfrontieren sich nicht mit dem Tod, denn von einem Aufstand, bei dem die Frauen Sun Tze den Kopf abgeschlagen hätten, berichtet die Geschichte nichts. Das Gleichnis kann dafür stehen, dass der weibliche Exerzierplatz des Friedens das männliche Schlachtfeld des Krieges spiegelt und stützt! Die Frauen begegnen dem Ernst der militärischen Operation vorerst unernst, um sich ihr ‚schlagartig’ zu unterwerfen, nachdem Sun Tze die Köpfung ihrer Führerinnen vollzogen hat. Diese Tötung steht für die potenzielle Tötung aller Frauen.

Innerhalb dieses Lebens wird das je passive oder aktive Verhältnis zur Gewalt und ihre geschlechtsspezifische Arbeitsteilung bestimmt. Diese funktioniert strukturgleich zum Herrschafts- und Unterwerfungsverhältnis zwischen Frauen und Männern: Frauen sind für den Frieden da, Männer für den Krieg. Noch mal: Die Frau wird um einen Kopf kürzer gemacht und innerhalb dieser Formel sind Frauen für den Frieden da – Männer für den Krieg.

Hélène Cixous, eine feministische Autorin aus Frankreich, schrieb: „Man kann sich keine perfektere Repräsentation jener gewissen Beziehung zwischen zwei Ökonomien vorstellen: einer männlichen und eine weiblichen Ökonomie, wo die männliche Ökonomie organisiert wird in einer Ordnung, die sich selbst verbucht, durch zwei Schläge…drei Schläge, vier Schläge, mit Schlagstöcken und einer Trommel, wie es sich gehört. Eine Ordnung, die sich durch Einschärfung, durch Erziehung errichtet. … Eine Erziehung, die in dem Versuch besteht, das Weibliche in einen Soldaten zu transformieren, unter Strafandrohung, wie sie immer in der Geschichte für die Frau reserviert war. … Und überhaupt muß gesagt werden, daß die Moral der Geschichte darin besteht, daß die Frauen, wenn sie ihren Kopf nicht so verlieren, mit einem Säbelhieb, so behalten sie ihn nur unter der Bedingung ihn zu verlieren, das heißt, in totalstem Schweigen und transformiert zu Maschinen. … In Grenzfällen fragen sich viele Frauen, ob sie existieren … und sie fragen sich, ob es jemals für sie einen Platz gegeben hat.“ (aus: Die unendliche Zirkulation des Begehrens. Weiblichkeit in der Schrift, Berlin 1977)

Es gibt – so gesehen – keinen Platz, oder eben jenen Platz der katastrophischen Platzierung: Wenn Frauen nicht für den Frieden da sind, dann können sie nur für einen Krieg da sein. Darüber sollten wir nachdenken.

(Hintergrundlektüre: Gerburg Treusch-Dieter: Demokratie: Selbstherrschaft oder Volksherrschaft? In: Frauen und Politik. Nachrichten aus Demokratien. Hg: B. Krondorfer, M. Wischer, A. Strutzmann, Wien 2008)

Hier können Sie den Text herunterladen.

Rede am 22. September 2021 beim Fiesta de bienvenida con las Zapatistas

im Hof des Frauenzentrums Wien

Augenommen von Andrea Strutzmann
Aufgenommen von Andrea Strutzmann

Vision einer feministischen Utopie aus Europa:

¡Visión de una utopía feminista desde Europa!

Es braucht eine Geschlechterdemokratie!

¡Urge una democrácia de género!

Unser imperialistischer Lebensstil mit seiner Konsumideologie wurde aufgegeben.

Die weltweite Frauenfeindlichkeit und Frauenausbeutung wurden überwunden.

El estilo de vida imperialista con su ideología de consumo nos ha superado. La misoginia y la explotación de mujeres a nivel mundial se han dado por vencidas.

Der Überwachungskapitalismus und die Herrschaft der digitalen Konzerne mit ihren Milliardengewinnen wurden abgeschafft. Die Überwachungskameras im öffentlichen Raum sind ausgeschalten, die asozialen Netzwerke haben sich überlebt, Online-Shopping, Fingerprints, Iris-Scans, social profiling etc. und ihre Penetration des Individuums sind verunmöglicht. Der private Ort ist geschützt und damit kann der öffentliche Raum wieder garantiert werden.

El capitalismo de vigilancia y el dominio de las corporaciones transnacionales digitales con sus miles de millones de ganancias han sido abolidos. Las cámaras de vigilancia en el espacio público han sido apagadas, las redes asociales se desvanecieron, las compras en línea, las huellas digitales, el escaneo de iris, el perfilado social etcetera y su intrución en la vida de cada persona fueron imposibilitados. El espacio privado está protegido y así se puede garantizar nuevamente el espacio público.

Der antisoziale Neoliberalismus mit seinen falschen Versprechen der Befriedigung persönlicher Bedürfnisse, der Kapitalismus überhaupt mit seiner kalten Freiheit, mit seiner Natur- und Menschenausbeutung hat sich geschichtlich aufgelöst zugunsten einer für alle lebbaren Welt.

El neoliberalismo con sus falsas promesas de satisfacer las necesidades personales, el capitalismo en general con su fría libertad, su explotación de la naturaleza y del ser humano históricamente se descompuso al favor de un mundo para todes.

Die feministischen Kämpfe um Gerechtigkeit sind nicht mehr notwendig, da die Demokratie weltweit Anerkennung als eine politische Organisationsform gefunden hat, in der alle teilnehmen dürfen und tatsächlich dann auch teilhaben können. Keine männlich codierte Vorherrschaft will mehr Geltung beanspruchen, weil sie ihre destruktive Effizienz als global-kollektiv selbstmörderisches Projekt erkannt hat.

Las luchas feministas por justicia ya no son necesarias, porque la democracia está reconocida al nivel mundial como forma de organización en la cual todes tienen la posibilidad de participar y ser parte de forma real. Ninguna supremacía patriarcal ya no reclama validez porque reconoció su destructiva eficiencia como proyecto suicida para el mundo.

Durch eine fundierte und kritische und allen zugängliche Bildung ist verstanden worden, dass es in einer wirklichen Demokratie nicht um persönliche Befindlichkeiten geht, nicht um egozentrisches Wohlbefinden auf Kosten anderer und der Umwelt.

A través de una educación sólida, crítica y accesible para todes se entendió que en verdaderas democracias no se base en el estado de ánimo personal, ni el bienestar egocéntrico a expensas de otras personas y la naturaleza.

Zu einer echten Demokratie gehören keine Homogenitätsphantasien, sondern Widersprüche und Unterschiede, die das Gegenüber in seiner Andersartigkeit anerkennen. Demokratie – das ist kein fertiger Zustand, das ist kein Kollektiv im Singular. Demokratie ist immer im Werden – als Name für die Revolte gegen die Privatisierung des öffentlichen Lebens und der Politik.

Una democracia verdadera no incluye fantasías de homogeneidad sino la idea de contradicciones y diferencias que reconocen a la otra persona en su alteridad. Democracia no es una condición finalizada, no es un colectivo en lo singular. democracia siempre está para hacerse – como idea de rebelión contra la privatización de la vida pública y la política.

Für ein gemeinsames Handeln ist Demokratie neu zu erfinden. Es braucht den Horizont von: ‚es ist möglich, dass wir immer wieder damit anfangen’. Gegen alle Apokalypsen braucht es die Annahme: ‚es kann gut werden’. Das Gute ist niemals fertig, es ist niemals richtig, aber wir müssen uns dem Guten immer wieder annähern. Und annähern wollen. Das ist unverzichtbar.

Para una acción colectiva la democracia debe reinventarse. Se necesita el horizonte del: “Es posible que volvamos a empezar una y otra vez!”. En contra de todas los apocalipsis se necesita la suposición del: “se puede volver algo bueno”. Lo bueno nunca está terminado, nunca es verdadero pero siempre tenemos que volver a acercarnos hacia lo bueno. Querer acercarnos. Eso es indispensable.

Birge Krondorfer (für die Frauenbildungsstätte Frauenhetz in Wien)

(en nombre del centro de educación de mujeres Frauenhetz, Viena)

Übersetzung von Martha Kuderer

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